Energie am Abzug
- Janine Wälti

- 16. Juli 2025
- 4 Min. Lesezeit
Was siehst du? Was fühlst du? Wenn du dieses Bild anschaust.

Das bin ich. Beim Eintauchen in eine mir ziemlich fremde Welt.
Ein neues Hobby, könnte ich schreiben. Hashtag: pewpew. Fertig.
Doch ich habe ein ausgeprägtes Innenleben, das gerade Purzelbäume schlägt und das möchte ich hier für mich sortieren.
Sportschiessen ist das Hobby meines Lebenspartners, seine Leidenschaft und in gewisser Weise auch Teil seiner Selbständigkeit. Ich möchte seine Welt kennenlernen, seine Begeisterung verstehen – und gerne auch teilen. Ich möchte herausfinden, ob ich in diese Welt hineinpasse oder überhaupt hineinpassen möchte. Im Moment weiss ich nicht so genau, ob dieses Feuer in mir irgendwann entfacht.
Normalerweise in einer ganz anderen Sphäre unterwegs, spreche ich als Human Design Coach von feinen Energien, unterscheide Aura-Typen, erkläre wie der Mensch auf energetischer Ebene wirkt. In meiner eher spirituellen Welt geht es um Resonanz, um das feine Pulsieren von Bewusstsein und Intuition. Und hier? Ein lauter Knall, ein massiver Rückstoss – ok, massiv vielleicht nur für meine eher zarte Natur. Eine kühle Metallmasse in der Hand. Lassen sich diese Pole vereinen?
Werden die Menschen, die mich kennen, überrascht sein, wenn sie das Foto sehen? Oder ist das typisch Janine. Sie probiert wieder mal etwas Neues aus. Ist doch nichts dabei. Doch auch wenn mich Gegensätzlichkeit in gewisser Weise ausmacht und ich meine Vielfältigkeit oft betone und auch feiere, ist das hier anders. Oder? Oder ist es das gar nicht? Denke ich zu viel? Dramatisiere ich? Habe ich einfach nur Angst vor den Reaktionen? Weil es nicht in das Bild passt, das ich sonst vermittle?
Was sehe ich selbst überhaupt auf dem Foto – und was hallt in mir nach?
Im ersten Moment finde ich das Bild gut. Ich freue mich sogar darüber, denn es wirkt, als wüsste ich genau, was ich tue – selbstbewusst, fast wie eine Heldin im Film. Da drückt die ewige Träumerin in mir durch. Doch kaum erfasse ich dieses Gefühl, meldet sich mein Kopf: Ist es nicht naiv, das so unbeschwert zu sehen, wo die Realität doch ganz anders war?
Mein Finger zittert am Abzug, mein Puls rast, während ich überzeugt bin, dass ich gerade langsam den Abzug zu mir ziehe, jedoch nichts dergleichen tue. Mein Körper wehrt sich und jeder Millimeter fühlt sich an wie eine Schicksalsfrage. «Stell dich nicht so an», rede ich mir zu, «vor dir ist nur eine Pappscheibe.» Dieses Pochen in meiner Brust ist beinahe so laut wie der ohrenbetäubende Knall vom auf dem Standplatz neben mir übenden Schützen. Ich habe mich gerade zu Tode erschreckt.
Ich mag es nicht, wenn es knallt. Ich mag schon kein Feuerwerk – mochte es nie. Jeder einzelne Knall durchdringt mich, reisst mein Innerstes in nullkommanichts in einen Zustand von Angst, Schrecken und Stress. Und jetzt beim Schiessen - derselbe innere Tumult.
Es überfordert meine Sinne. Doch gleichzeitig spüre ich in diesem Moment meine Präsenz: Haltung, Blick, Atmung – alles eins. Achtsamkeit. Es hat keinen Platz für andere Gedanken.
Ich mag zielen. Und treffen. Nicht das Rumballern, sondern das präzise Treffen. Bei mir muss es ein Warum geben. Ich spiele nie nur des Spielens wegen. Ich möchte gewinnen. Genauso würde ich wohl nie einfach schiessen, um zu schiessen, sondern um gut und möglichst genau zu treffen. Und ja, ich weiss. Das könnte man auch mit Pfeil und Bogen – knallt etwas weniger. Ich rede mal mit ihm.
Durch das Visier reduziert sich die Welt auf den einen Punkt da vorne. Das Ziel. Jeder Treffer stärkt mein Selbstvertrauen. Wenn die Kugel auf der schwarzen Scheibe dort einschlägt, wo ich sie hinlenken wollte, spüre ich: Ich kann handeln, auch wenn mein Inneres laut tobt. Diese kleine Erfolgserfahrung gibt mir Mut. Ich lerne, jede Muskelspannung wahrzunehmen: wie ich stehe, wo und wie meine Hände platziert sind, den leichten Widerstand am Abzug. Das Gefühl von Körperkontrolle ist mir nicht fremd – jedoch aus einer weiteren anderen Welt.
So ein Schuss ist wie ein waghalsiger Trick in meinem Kopf, bei dem Ehrgeiz, Zweifel und Angst gegeneinander antreten. Soll ich? Kann ich? Jetzt?
Und dann frage ich mich: Warum reizt mich das, wenn es mich überfordert? Ist es Kontrolle? Bestätigung? Persönlicher Thrill? Vielleicht ein Spiegelbild für meine inneren Fragen. Oder ein altes Muster.
In meiner Arbeit mit Human Design spreche ich von energetischen Zyklen – Wellen von Bewusstsein und Wandlung, die uns in immer neuen Lebensabschnitten prüfen, von der kollektiven Matrix, in der wir alle verbunden sind. Wie passt da das Schiessen in eine Zeit, in der auf der Welt überall Konflikte und Gewalt lodern?
Jeder Schuss mag harmlos auf einen auf Papier gemalten Kreis zielen, doch welchen Widerhall erzeugt er in der echten Welt? In mir tobt ein Zwiespalt. Ich denke grundsätzlich viel und neige ein wenig zu Selbstkritik. Im Leben möchte ich das Richtige tun – und hier spüre ich eine sehr starke emotionale Reaktion, auch wenn das Ziel nur Pappe ist.
Vielleicht könnte man dies als moralische und psychologische Implikation bezeichnen. Das Gefühl der Verantwortung, die innere Konfrontation mit ethischen Fragen und nicht zuletzt die Angst, denn der Umgang mit einer Waffe ist definitiv nicht ungefährlich. Da, ein kleiner Fehler, knapp an der Scheibe vorbeigeschossen. Eigentlich kein Problem, denn es ist ja alles abgesichert und ich werde beobachtet. Und doch spielt mein Hirn verrückt. Was wenn? Was hätte passieren können, wenn da nicht..? Hallo Kopfkino.
Warum fühle ich mich schuldig?
Ich mag den Hyperfokus, wenn alles andere verstummt und nur noch dieser Punkt zählt. Alles unter Kontrolle und doch innerlich total aufgewühlt. Meine Nerven!
Ich befinde mich irgendwo zwischen Spannung und Achtsamkeit, zögern und mutig sein, Kopfkino und Körperbewusstsein. Und nicht zuletzt zwischen Gewissenskonflikt und Verbindung.
Wer hätte gedacht, dass ich nach einem unternehmungslustigen «Ja klar, lass uns gemeinsam schiessen gehen!» innerlich so ins Strudeln geraten würde.
Ich verlasse den Schiessstand anders, als ich ihn betreten habe. Doch ist es mit mehr Klarheit oder noch mehr Fragen? Ich bin noch nicht angekommen, ich fühle mich nicht wohl. Aber jeder Schuss und jedes Ausprobieren bringt mich näher an mich selbst, an die dunklen Ecken meines Bewusstseins und an die Frage: Gibt es einen Weg meine spirituelle Suche und diese laute, harte Welt zu vereinen?
Ich bleibe in diesem Zwiespalt – bereit, mich selbst zu beobachten, zu prüfen und zu wachsen.


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