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Wollen wir effizienter werden oder reifer?

Über diese Frage bin ich heute gestolpert. Effizienz ist etwas das ich zutiefst bewundere und ein Thema, das mir immer wieder begegnet – in meiner Arbeit und in meinem Alltag. Vor allem, weil ich mich nicht unbedingt zu den effizientesten Menschen zähle. Bewusst wird mir das immer wieder, wenn etwas schneller gehen soll, wenn ich klarer sein möchte, besser organisiert. Und gleichzeitig dieses leise Gefühl da ist, dass genau das nicht unbedingt das ist, was jetzt gebraucht wird.


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Effizienz ist in vielen Bereichen notwendig und es ist irgendwie selbstverständlich geworden, dass alles und jeder effizienter werden sollte oder effizienter werden wollen sollte. Deshalb werden Prozesse ständig optimiert, Abläufe verkürzt, Angebote geschärft.


Für fast alles gibt es ein System, eine Methode, die verspricht, es einfacher zu machen. Apps z.B. für Menschen mit ADHS – für die das Wort Effizienz eine echter Graus sein kann. Aber auch mehr Effizienz für persönliche Entwicklung, für innere Prozesse ist gewünscht. Selbstoptimierung. Was immer das heissen mag.


Was mich dabei nachdenklich macht, ist weniger der Fortschritt an sich. Wir können heute enorm viel. Wir haben Zugang zu Wissen, zu Werkzeugen, zu Perspektiven, die früher kaum vorstellbar waren. Was mich beschäftigt, ist eher die Frage, wie unser inneres Wachstum mit diesem äusseren Fortschritt Schritt halten soll. Und ob wir mit all dem, was möglich ist, auch verantwortungsvoll umgehen können.


Ist es heute nicht so, dass Fähigkeiten so schnell wachsen, dass wir die Haltung vergessen? Immer mehr Möglichkeiten, aber wo bleibt der Reifeprozess? Neues lernen, anwenden, weitergeben. Dies tun wir bereits in einem Tempo, das kaum Raum lässt für Integration. Fortschritt fühlt sich gut an, weil er Kontrolle verspricht. Reife hingegen ist langsamer. Sie lässt sich nicht beschleunigen und schon gar nicht standardisieren. Sie lässt sich auch nicht sauber messen. Und vielleicht liegt genau darin die Krux.


Effizienz ist toll. Sie hilft uns, Ressourcen zu sparen, Klarheit zu schaffen, Ordnung in komplexe Abläufe zu bringen. Und oh Gott, ich wünschte ich hätte selbst mehr davon. Doch ich frage mich gerade, was passiert, wenn wir Effizienz auf Bereiche übertragen, die eigentlich Zeit brauchen. Beziehung. Entwicklung. Innere Prozesse. Dort, wo Reibung nicht stört, sondern eigentlich hingehört. Weil sie Tiefe bringt.


Schauen wir zum Beispiel in Felder, die sich mit persönlichem Wachstum beschäftigen. Coaching, Persönlichkeitsmodelle, spirituelle Ansätze – alles wird zugänglicher, greifbarer und vermittelbarer. Das hat viel Gutes. Gleichzeitig wird manchmal erstaunlich schnell Verantwortung übernommen. Titel werden rasch vergeben oder erfunden, Rollen schnell eingenommen. Oft aus ehrlichem Wunsch zu unterstützen. Oder aus eigenen Erfahrungen heraus, die man teilen und mit denen man anderen helfen möchte.


In der Arbeit mit der inneren Welt von Menschen zeigt sich diese Frage besonders deutlich. Gut gemeinte Impulse können etwas in Bewegung bringen und erzeugen damit Verantwortung. Verantwortung, die sich nicht immer sofort überschauen lässt.


Einfluss zu haben ist heute nicht besonders schwer. Das merke ich auch in meiner eigenen Arbeit. Verantwortung dafür zu tragen fühlt sich dagegen oft viel komplexer an. Zwischen diesen beiden Polen entsteht für mich eine Spannung, die sich nicht einfach auflösen lässt. Berufung allein reicht nicht. Wissen vermutlich auch nicht immer. Und manchmal frage ich mich, ob wir uns selbst zu schnell zutrauen, mit dem Innersten anderer Menschen zu arbeiten.


Wir sprechen viel von Individualität und Selbstbestimmung. Und gleichzeitig sehe ich, wie ähnlich viele Wege verlaufen, wie ähnlich die Begriffe sind, die wir benutzen, die Versprechen, die wir machen. Ich nehme mich davon nicht aus. Die Frage, wie frei unsere Entscheidungen wirklich sind, bleibt für mich offen. Sie kratzt an einem Selbstbild, das wir gerne pflegen. Wir bezeichnen uns als autonom, bewusst, reflektiert und unabhängig. Und gleichzeitig sind wir mehr denn je beeinflusst, geprägt und gelenkt.


Vielleicht ist unser Wunsch nach Effizienz und Kontrolle auch ein Versuch, mit einer Welt umzugehen, die immer komplexer wird. Vielleicht müssen wir uns eingestehen, dass wir mit unserem Denken der Entwicklung im Aussen kaum hinterherkommen. Klare Modelle geben hier Halt. Schnelle Antworten beruhigen. Und doch habe ich das Gefühl, dass genau dort viel verloren geht. Denn das Innere lässt sich nicht steuern wie ein System. Es braucht Zeit, Beziehung, manchmal auch das Aushalten von Nicht-Wissen. Eben, um zu reifen.


Am Ende lande ich wieder bei derselben Frage: Wollen wir effizienter werden oder reifer? Und was, wenn wir uns erlauben, diese Frage einfach so im Raum stehen zu lassen?

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