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Sternenstaub & Schokolade

Aktualisiert: 27. Okt. 2020

Sternenstaub, Lametta und Elsa-Haare sind die kreativsten Bezeichnungen für (mein) graues Haar, die ich in den letzten Jahren gehört habe. Wobei Lametta definitiv nicht zu meinen Favoriten gehört. Bio-Mèches und Silber im Haar fand ich auch noch süss. Es gibt jedoch Tage, Tageszeiten oder besser Lichtverhältnisse, da sieht es nun wirklich nicht nach Sternenstaub aus, sondern viel mehr wie die Haare einer alten Frau auf meinem 39-jährigen Kopf. Das führt mich zu der Frage: Gibt es eigentlich Selbsthilfegruppen für frühzeitig ergraute Frauen? Hallo, ich bin Janine, 39 und ich habe graue Haare. – Hallo Janine. Während meiner immer wiederkehrenden Farbkrisen – das ist, wenn der Füllstand meiner Schokoladenschublade darüber entscheidet, ob ich die Krise überstehe oder einen Färbetermin vereinbare – könnte so eine Gruppe echt helfen.


Aber jetzt mal zum Warum. Vor bald drei Jahren startete ich nach zwei Fehlversuchen das Projekt Goinggrey im dritten Anlauf. Ich wollte nicht mehr färben. Zu viel Chemie, zu teuer und ich bin einfach zu bequem, um alle paar Wochen zum Coiffeur zu gehen. Selber färben? Bei meiner Haarmenge eine recht herausfordernde Prozedur. Außerdem gehöre ich nicht zu der richtig großgewachsenen Sorte Gemüse und somit sieht mir ein Großteil meiner Mitmenschen auf den Scheitel. Nun finde ich ja einen grauen Ansatz wesentlich unhübscher als ganz graue Haare und so habe ich beschlossen, mal abzuwarten und zu schauen, was da Schönes dabei rauskommt. Wer die Frauen ein wenig kennt, weiß wie viel Zeit und Geld ich in diesen Jahren gespart habe. Komischerweise wurde mein Geldbeutel trotzdem nicht grösser. Woran das wohl liegt? Ich kann’s mir nicht erklären.




Meine Erfahrungen in den vergangenen drei Jahren waren spannend und reichen von ermutigend über speziell bis zu ohrfeigenmässig deprimierend. Ja leider gab's auch das.

Lustig waren die ersten Monate. Verstohlene Blicke in Richtung Haaransatz. Die einen schwiegen diskret, die anderen konnten sich einen Kommentar nicht verkneifen. Oh, du bist aber auch schon schön grau. Wobei ich mich frage, wie das „schön“ in diesem Satz wohl gemeint ist. Im Nachhinein betrachtet, wäre die richtige Antwort meinerseits wohl „Danke!“ gewesen. So schlagfertig bin ich dann aber doch nicht, wenn's um mein Äußeres geht und somit gab es öfters ein eher zerknirschtes ja, ich weiß von meiner Seite. Überrascht hat mich, dass da sehr oft ein etwas schadenfreudiger Unterton mitschwang. Darüber musste ich länger nachdenken. Warum gönnen einem andere Leute graue Haare? Oder gönnen sie einem das Älterwerden? So à la: Ha! Auch du bleibst nicht verschont! Das finde ich dann doch sehr speziell. Aber wahrscheinlich freut man sich einfach, dass man nicht der oder die Einzige ist, die älter wird – ob man’s jetzt zeigt oder nicht.

Etwas schockiert war ich dann aber doch nach Aussagen wie: "Willst du nicht deine Haare wieder färben? Ich finde das steht dir gar nicht." Wohlgemerkt, ich hatte weder nach der Meinung gefragt, noch drehte sich das Gespräch um Haare. Wo bleibt da die gute Kinderstube? Da hilft nur drüber stehen.

Doch Schluss mit dem Gejammer. Goinggrey hat nämlich auch viel Positives bewirkt. Zu mir zu stehen ist ein gutes Gefühl. Ich gebe zu, ich finde mich zwischendurch auch recht mutig. Ich weiß, ich bin nicht die Einzige, die sich das traut. Da muss man in den sozialen Medien nur mal dem #goinggrey folgen. Richtig viele tolle Frauen, die ihr Silber im Haar nicht mehr verstecken findet man da. Und ich erlebe durchaus auch immer wieder sehr positive Reaktionen. Das hilft ungemein. Manchmal braucht frau halt von außen ein bisschen Bestätigung, um sich schön zu fühlen, da bin ich ganz ehrlich. Mein lieber Mann findet's zum Glück super und meine Tochter nennt meine Haare Elsa-Haare (hier muss ich jedoch anmerken, dass ich von Elsa doch sehr weit weg bin). Mein Ältester hingegen sähe es lieber, wenn Mama wieder färbt. Wo wir wieder beim Alter sind. Grau gleich alt. So ist das nun mal in unseren Köpfen. Und egal wie toll und mutig man sich mit grauen Haaren findet, man fühlt sich auch älter.

Glücklicherweise ist die Mode manchmal gnädig und der Ombré-Trend der letzten Jahre kam mir sehr entgegen. Denn dadurch fiel mein Experiment zeitweise gar nicht mehr so auf. Plötzlich liefen fast alle als Zweifärber rum.

Alles in allem waren die drei Jahre für mich ein stetiges Auf und Ab. Mal mehr, mal weniger, oft auch gar nicht überzeugt von diesem Weg find' ich’s häufig schön und genauso häufig auch schrecklich. Bei Tageslicht kommt es vor, dass ich mich lieber verstecken würde, abends sieht man das Grau kaum und alles ist wieder gut. Einen Prozess könnte man das wohl auch nennen.

Aber wie geht’s jetzt weiter? Die letzten noch gefärbten Spitzen sind abgeschnitten und zurück bleibt Natur pur. Zurück bleibe ich – so wie mich die Natur gefärbt oder vielleicht besser entfärbt hat. Ob ich auf diesem Weg bleibe? Keine Ahnung. Aber das muss ich ja auch nicht wissen. Vorallem im Frühling ist die Lust auf etwas Neues, wie eben eine neue Haarfarbe, ziemlich gross. Aber ich denke vorläufig bleibt‘s mal so. Ist ja irgendwie auch super praktisch. Früher musste ich mir immer überlegen, welche Events anstehen und ob da vorher ein Friseurbesuch angebracht wäre. Ohne Ansatz kein Problem mehr. Und in Zukunft werde ich auf Sätze wie „du bist ja schön grau“ einfach mit einem herzlichen Danke antworten.

Sollte aber bei der nächsten Farbkrise keine Schokolade im Haus sein, naja, dann weiss ich halt auch nicht. :)


(Photo & Haarschnitt: https://instagram.com/baobabhaarundso?igshid=1gjs7a3lr4ia3)

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